Wohnungsbau für Frauen – Internationale Kooperation CEMYS Córdoba FOPA Berlin

Der mühselige Weg einer kleinen Erfolgsgeschichte.

Ida Schillen, Berlin 1994
centro mujerWas tun, wenn die Miete so hoch ist wie das Gehalt und es kein zweites Gehalt zum Leben gibt? In Córdoba, der zweitgrößten Stadt Argentiniens, fand sich nach dem Ende der Militärdiktatur 1983 eine Gruppe von ExilArgentinierinnen zusammen, um eine gemeinsame politische und ökonomische Perspektive aufzubauen. Sie hatten die Diktatur im inneren oder äußeren Exil überlebt und jahrelange unterschiedliche politische Erfahrungen in oppositionellen Gruppen gesammelt. Einige von ihnen gehören zu den Müttern der Plaza de Mayo, die bis heute einfordern, die Verbrechen der Militärdiktatur zu verfolgen. Alle haben mehrere Kinder, die sie alleine erziehen. Die Väter sind entweder „Verschwundene“, durch die Militärs verschleppt und ermordet oder leben noch im Ausland oder haben Frauen und Kinder einfach so sitzen lassen. Die soziale und ökonomische Situation dieser Frauen ist prekär. Inflation, politische Krisen, Putschversuche, Arbeits und Wohnungslosigkeit prägen die jüngere Geschichte Argentiniens. Die demokratisch gewählten Regierungen haben sich bisher als unfähig erwiesen, diese Probleme nur annähernd zu lösen. Für ehemals politisch verfolgte Frauen ist es zudem schwer, einem Regierungsapparat zu vertrauen, in dem vielfach noch die Verfolger von damals sitzen.

Wie stets und überall wirkt sich die allgemeine Misere besonders auf die Frauen aus, die soweit irgend möglich, die emotionale und physische Versorgung ihrer Familie aufrecht erhalten. Alleinerziehende Frauen und derer gibt es im Gefolge von politischer Verfolgung und machistischer Selbstverständlichkeit viele bräuchten zum Leben quasi drei Gehälter: für die Wohnung, für die Ernährung und für die Ausbildung. Die persönlichen Erfahrungen im Exil und im Überleben führten zu einer zunehmenden Reflexion ihrer Rolle als Frauen und der enormen Sonderschwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben. Eine intensive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ursachen, psychologischen Rastern und Rollenmustern begann. So entstand, als politischer Entschluß dieses Prozesses, die Idee des „Casa de las Mujeres“: ein Zentrum zum Wohnen für Frauen mit Kindern, das gleichzeitig kultureller und politischer Treffpunkt, ein Bildungszentrum für Frauen der Nachbarschaft sein soll. Hier sollen Frauen aus den unteren Schichten Wohnverhältnisse finden, die ihrer persönlichen Stabilisierung und Weiterentwicklung förderlich sind. Perspektivisch wurde eine Wohnungsbaukooperative entworfen, die feste Arbeitsplätze für Frauen schafft. Der neu gegründete Verein CEMYS Centro Mujer y Sociedad stellte den organisatorischen Rahmen für dieses ehrgeizige Projekt.

Gute Ideen und kein Geld! Staatliche Stellen in Argentinien und internationale soziale Wohnungsbauorganisationen lehnten es ab, das Projekt zu fördern. Aus diesem Grund und auch angesichts der eigenen Skepsis gegenüber staatlichen Stellen, bot sich für CEMYS die einzige Möglichkeit, von der internationalen Solidaritätsbewegung unterstützt zu werden. Elsa Jacobsohn, die in Berlin im Exil gelebt hatte, nahm alte Kontakte auf, sammelte Gelder aus alternativgrünen Projekten und Stiftungen und bat die Berliner Organisation FOPA Feministische Organisation von Planerinnen und Architektinnen um planerische und finanzielle Unterstützung. Das war 1986. Acht Jahre später, im Sommer 1994, konnte das erste bilaterale feministische NGOBauprojekt abgeschlossen werden.

Qualität vor Quantität! In der Zielsetzung waren sich CEMYS und FOPA sehr schnell einig. Der Standard der Wohnungs und Gemeinschaftsgebäude sollte sich an menschenwürdigem Wohnen orientieren und über die behelfsmäßigen Mindeststandards der Weltbanknorm hinausgehen. In nahezu allen Wohnungskooperativen, von denen es eine Menge in Argentinien gibt, wird nach der Maßgabe größtmöglicher Selbsthilfeanteile und nach der Förderungsnorm der Weltbank von 35 qm pro Familie gebaut. Quantität vor Qualität ist hier die Devise, um möglichst massenhaft Menschen mit Wohnraum zu versorgen. Die gemeinsame Konzeption von CEMYS und FOPA geht hingegen davon aus, daß ein Mindeststandard in räumlicher und qualitativer Art nicht unterschritten werden darf, wenn nicht allein Obdachlosigkeit beseitigt, sondern Wohnverhältnisse geschaffen werden sollen, die eine ökonomische, persönliche und politische Entwicklung der Bewohnerinnen ermöglichen. Das verbietet der EinRaumGrundriß der 35 qmNorm für Familien mit mehreren Kindern.

Gleiches gilt für das bauliche Selbsthilfemodell, das das Recht auf billigen Wohnraum in die QuasiVerpflichtung lebenslangen Selberbauens verkehrt. Dies mag für ein Familienideal gelten, nach dem Vater das Geld verdient und nach Feierabend baut, Mutter das Essen kocht und sich um die Kinder kümmert, was eine lateinamerikanische Fiktion darstellt. Für Frauen als Alleinernährerinnen der Familie ist dieses Modell zum Scheitern verurteilt. Die Lebensumstände der Frauen lassen eine bauliche Dauerbeschäftigung neben mehren Jobs zur Existenzsicherung und der Kinderversorgung nicht zu. Um innerhalb dieser Wohnungsprogramme dennoch ein Haus zu bauen, sind sie von Männern abhängig.

Aufgrund dieser Überlegungen wurde bewußt auf ein „Besser als gar nichts Modell“ verzichtet zugunsten eines Projektes, daß das politische Konzept der Unabhängigkeit und Absicherung von Frauen räumlich umsetzt und somit eher gesellschaftliche Impulse als möglichst massenhafte Unterbringung favorisiert. Dieser Entschluß ist angesichts riesiger Slums und haarsträubender Mietsituationen sicherlich zu diskutieren. Die Frauen setzen jedoch darauf, Alternativen zu entwerfen zur bloßen Unterbringung im Rahmen patriarchaler Familienstrukturen. Sie beharren darauf, daß sogar arme Frauen das Recht auf ein richtiges Haus und nicht nur auf eine Hütte haben. Das sahen potentielle Financiers im offiziellen Entwicklungshilfebereich leider anders. Die beiden NGOs, jeweils ohne eigene Mittel, suchten nach Unterstützung im alternativfeministischen Spektrum in Berlin. FOPA organisierte Veranstaltungen, Solidaritätsfeste und Spendenaktionen und brachte das Startkapital von 35.000, DM zusammen. 1988 konnte mit dem Bau der ersten beiden Häuser auf fünf von CEMYS erworbenen Parzellen innerhalb des Areals einer anderen Siedlungskooperative im Süden Córdobas begonnen werden.

Der Bau brachte eine Reihe von Schwierigkeiten mit sich. Ungewöhnlich war, daß Frauen als Bauherrinnen und Bauleiterinnen fungierten. „Die erste Schwierigkeit, mit der wir zu tun hatten und die besonders Yolanda als Bauleiterin anging, ist die Anwesenheit einer Gruppe sehr qualifizierter und erfahrener Arbeiter auf der Baustelle, die natürlich sehr ungehalten darüber sind, daß eine Frau die Bauleitung macht und die sehr genau jeden Fehler und jede Unsicherheit bemerken und darauf herumhacken. Vom Zählen der Backsteine bis hin zum winzigsten Detail wird sie darauf hingewiesen, daß sie eine Frau ist.“ ( CEMYS Baubericht ). Weitere Probleme folgten, der Diebstahl von Baumaterialien und ein bewaffneter Überfall auf den Bauwächter. Die Inflation Ende der 80er Jahre stellte das Projekt auf eine harte Bewährungsprobe. „Wir waren alle erschöpft und resigniert aufgrund der Krise. Es herrschte große Unsicherheit über die Zukunft. In den Supermärkten wurden beispielsweise die Preiserhöhungen mit Lautsprecher angesagt, einfach weil es keine Zeit gab, die Lebensmittel mit den jeweiligen Preiserhöhungen auszuzeichnen. Die Preise für Baumaterialien änderten sich von Minute zu Minute.“ (CEMYS Baubericht).

Trotz dieser Hürden konnten die vorhandenen Mittel bis Ende 1989 verbaut und die beiden Gebäude im Rohbau erstellt werden. Die Inflation hatte die ursprüngliche Kalkulation, mit dem vorhandenen Geld die Gebäude schlüsselfertig zu errichten, zunichte gemacht. Der Bau stagnierte und der finanzielle Nachschub aus Berlin ebenfalls. Mit dem Fall der Mauer und den politischen Veränderungen in Deutschland, Mittel und Osteuropa änderte sich auch das Spendenverhalten. Vordringlich wurden nun osteuropäische Projekte unterstützt. FOPA machte 1991 einen erneuten Versuch gegenüber staatlichen Stellen und beantragte Mittel beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Ein Jahr später wurde aus dem Programm zur Förderung privater Entwicklungshilfeträger die erforderliche Summe für den Wasser und Elektrizitätsanschluß sowie die Inneneinrichtung der Gebäude bewilligt. Am 8. März war es dann soweit. CEMYS eröffnete das Gemeinschaftszentrum und das Wohnhaus. Mitte 1994 konnte auch die letzte Abrechnungshürde überwunden werden.

Der mühselige Weg einer Erfolgsgeschichte! Nach acht Jahren zäher und unbezahlter Nebentätigkeit der Aktivistinnen aus Córdoba und Berlin hat sich ein kleiner Traum materialisiert. Der Anfang ist gemacht. Das Gemeinschaftshaus funktioniert als Stadtteilzentrum für die Bewohnerinnen. Von hier gehen wohnungs, gesundheits, bildungspolitische, soziale und ökologische Aktivitäten aus. Im angegliederten Wohnhaus (63 qm) wohnt eine vorher obdachlose Frau mit ihren Kindern. Die Bautätigkeit von CEMYS hat sich motivierend auf die nähere Umgebung und die benachbarte Siedlungskooperative ausgewirkt, die davon profitiert, daß CEMYS den gesamten Wohnblock mit offiziellem Strom und Wasseranschluß versorgt hat. „Der Bau hat in der Umgebung viel Sympathie geweckt und das Wichtigste: das Grundstück der Kooperative, zu dem das Zentrum gehört, insgesamt 150 Teilgrundstücke, wird unter seinen Bewohner/innen ca. 100 Frauen als alleinerziehende Mütter haben. Das bedeutet natürlich interessante Perspektiven für unsere Arbeit:“ (CEMYS Baubericht). Beide NGOs, CEMYS und FOPA haben praktische Erfahrungen in internationaler feministischer Entwicklungszusammenarbeit gemacht, in der Akquisition und Baudurchführung, im Projektmanagement und in der Abwicklung öffentlicher Gelder, vor allem aber im Durchhaltevermögen. Das sind gute Voraussetzungen für weitere und vielleicht auch größere Bauprojekte innerhalb der feministischen internationalen Solidaritätsarbeit.

Adressen und Kontakte:

CEMYS Centro Mujer y Sociedad
Avenida del Tabajo y Reconqista, Villa Mirizzi
5000 Córdoba, Argentinien
Kontakt: Elsa Jacobsohn Tel/Fax 5454320791